Von Stefan Weilmünster aus dem Jahr 2007, überarbeitet im April 2015

Ein riesiges Plakat ziert Frankfurts U-Bahnschächte, darauf ein junger Mann mit flottem Auto, darin eine dezibelstarke Stereoanlage. Auf der Motorhaube räkelt sich eine hübsche Blonde mit einem Saxophon. Der Kenner bemerkt, wie so oft, natürlich gleich auf den ersten Blick die vertauscht angeordneten Hände und das verkehrt herum aufgeschraubte Mundstück. Nun denn, wer ist schon ein Kenner...

In meiner Stammkneipe stand lange Jahre lang eine dieser Plastikblumen mit Gesicht und im Topf stehend, die bei laufender Musik lustig kitschig zu tanzen beginnt. Auch diese Miniatur trägt ein geschwungenes, goldenes Instrument um den Hals, welches seine Tanzbewegungen ebenso zu unterstreichen scheint, wie das große Tenorsaxophon in der Hand des überlebensgroßen Weihnachtsmanns unseres Kaufhauses, der beim Vorübergehen beginnt, zum vom Computer geblasenen "Rudolph the rednosed Rendeer" mit seinen Hüften zu kreisen.

 Sogar in Film und Fernsehen scheint das gern als „erotisch“ bezeichnete Instrument einen Sonderstatus innezuhaben. Ob in der Werbung für karibischen Rum, in der Hand unseres beliebten hessischen Pausenmännchens Onkel Otto oder in nahezu jeder erotisch verruchten Szene drittklassiger Vorabendkrimis: Das Saxophon sorgt für einen Hauch knisternder Exotik und ob nun das exotisch erotische Etwas vom Spieler, der gebogenen Form oder dem Sound herrührt – der Einsatz dieses Instruments scheint seinen gewünschten Effekt nur selten zu verfehlen. Ein Plakat für ein Jazzfestival ohne das Abbild eines Saxophons ist schlicht unvorstellbar, doch was ist so anders an einem Saxophon im Vergleich zu einer Trompete, einer Geige oder einem Klavier? Warum kann sich kein Mensch, den ich in meinem Leben kennen gelernt habe den Satz: „Was, Sie spielen Saxophon, boah, was für ein tolles Instrument...“ verkneifen, wenn er von meinem Beruf erfährt? All dies lässt sich größtenteils historisch erklären. Es hat sehr viel mit der Erfindung, dem Erfinder selbst und seiner ungewöhnlichen Vita sowie der im Instrumentenbau einzigartigen Verbreitungsgeschichte zu tun.

Fangen wir beim Erfinder an. Der 1814 zu Dinant in Belgien geborene Antoine-Joseph Sax, der sich später Adolphe Sax nannte, hatte zunächst mit den Gefahren eines jungen Lebens im frühen 19. Jahrhundert zu kämpfen. Dutzende von verheerenden Unfällen (getroffen von herab fallenden Ziegeln, Fall in eine Schleuse, naher Erstickungstod...) sowie unzählige Vergiftungen (Arsenikvergiftung in der Werkstatt des Vaters, Quecksilbervergiftung, Bleivergiftung...) und Krankheiten wie Diphtherie, Pocken, Krebsleiden und viele mehr musste Adolphe le petite revenant, Adolph das kleine Gespenst, wie ihn seine arme von Angst geschundene Mutter nannte, überstehen, bevor er seine außergewöhnliche musische Begeisterung und seine erfinderische Gabe ausleben konnte. Vielleicht haben ihn all diese Ereignisse in seiner frühesten Kindheit auch zu diesem unnachahmlichen Stehaufmännchen gemacht, welches er zeitlebens war.

Schon als junger Bub erwachte Adolphes Leidenschaft zur Musik. Er war das, was man wohl ein Wunderkind nennen muss und schon als Jugendlicher ein überaus virtuoser, am Konservatorium ausgebildeter Klarinettist und Flötist. Die genaue Kenntnis der Instrumente seiner Zeit ließen ihn wie keinen anderen Instrumentenbauer die Schwächen der in Ergonomie und in den jeweiligen Klangeigenschaften noch reichlich unausgewogenen Blasinstrumente erkennen. In der Werkstatt seines Vaters Charles Joseph Sax, seines Zeichens ebenfalls Instrumentenbauer, wurde er in die Kunst des Handwerks eingeweiht und fand hier ein ideales Experimentierfeld vor. Sax muss unserem heutigen Bild von Daniel Düsentrieb recht nahe gekommen sein. Neben der Erfindung dutzender (!!!) neuer Instrumente, neben dem Saxophon beispielsweise Saxtromba, Saxhorn, Trompetenpauke, Saxhornbourdon, Saxtuba und vieler anderer mehr sowie der Verbesserung beziehungsweise Modifikation bereits existierender Instrumente wie der Einführung von Ventilen an Posaunen, der Etablierung der geschwungen, an ein Saxophon erinnernden Form der Bassklarinette etc. erfand Sax noch einen Lungenapparat, ein Durchfallmittel, Eisenbahnsignale, eine Art Dampfstraßenwalze und forschte zudem an der innenarchitektonischen Verbesserung der Akustik von Konzertsälen.

1841 sollte ihm, erst 27-jährig, mit der ersten öffentlichen Vorstellung eines neuartigen Instruments namens Saxophon der große Wurf gelingen, der ihn unsterblich werden ließ. Was hatte ihn zu dieser die Musikwelt revolutionierenden Erfindung gebracht? Das größte und somit ertragreichste Arbeitsfeld für einen Instrumentenbauer in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts war die Militärmusik. Dort mangelte es an einem streichernahen tiefen Bassinstrument, welches sich im Freien akustisch durchzusetzen vermochte und das natürlich trotzdem noch transportabel war. Nur wie erfindet man eine solche „Freiluftbassgeige“? Am Anfang war wohl die Überlegung nach dem geeigneten Material. Da es um Lautstärke ging, kam nur Blech in Frage. Sax war ein herausragender Klarinettist. Was lag da näher, als dem harten Material Blech die erwünschte klangliche Wärme über eine ihm wohlbekannte Tonerzeugung zu verleihen? Anders als bei allen übrigen Blechblasinstrumenten, in denen die Luftsäule durch ein auf den Lippenring aufgedrücktes Kesselmundstück strömt, entscheidet sich Sax, die zur Tonerzeugung notwendige Luftschwingung durch eine nahezu 1 zu 1 von der Klarinette übernommene Version eines Mundstücks mit einfachem Rohrblatt zu erreichen. Hier versetzt die vorbeiströmende Luft ein unten auf dem Mundstück aufliegendes Blättchen aus Schilfrohr in Schwingung, was einen Ton zur Folge hat. Wegen dieser durch den gebrochenen Luftstrom erreichten Tonerzeugung, die allen Holzblasinstrumenten zueigen ist, zählt das Instrument trotz seines blechernen Korpus zu den Holzblasinstrumenten.

Die Fusion von Blech- und Holzblasinstrument brachte den gewünschten klanglichen Erfolg. Nun sollte das neue Instrument aber natürlich auch schnell Verwendung finden. Für eine sofortige Verbreitung erschien die möglichst einfache Erlernbarkeit dringend notwendig. Die Überblasung in der Oktav sollte den Musikern anderer Holzblasinstrumente den Wechsel auf das Saxophon erleichtern. Hierbei lernt der Musiker anders als bei der Klarinette die sieben verschiedenen Griffe der Tonleiter. Der achte sowie die Folgenden entsprechen bei zusätzlich gedrückter Oktavklappe wieder den Vorherigen. Die hierfür bautechnisch notwendige konische Form des Instruments entlehnte Sax der Form der Oboe. Das Saxophon ist somit ein instrumentenbaulicher „Woiperdinger“. Ein Korpus aus Blech für die Lautstärke mit dem Mundstück einer Klarinette für den warmen, holzig-streicherartigen Ton und der konischen Form der Oboe für die Oktavüberblasung. Somit zählt es mit Sicherheit zu den außergewöhnlichsten Schöpfungen des Instrumentenbaus. Dazu ist es noch das jüngste akustische Blasinstrument (nehmen wir einmal das nur wenig gespielte Sousaphon aus), dessen genauer Geburtstag sowie der ausgewiesene Zweck seiner Erfindung heute noch exakt zugewiesen werden können. Dies trifft wohl auf kein anderes Instrument weiterer Verbreitung zu – oder kennen Sie den genauen Geburtstag von Violine oder Klavier?

Der Anfang war gemacht: Jetzt musste man nur noch den Komponisten den neuen, unnachahmlichen Sound der neuen Instrumentenschöpfung vorstellen, auf dass möglichst schnell Werke für das Saxophon entstünden und natürlich musste man noch dem Militär nahe bringen, dass von nun an Saxophone in jede Militärkapelle gehörten. Das war von der kleinen belgischen Erbmonarchie aus schlecht möglich. Also machte sich Adolphe Sax 1843 mit seiner Erfindung, jedoch ohne Geld im Gepäck, zu Fuß zum künstlerischen und politischen Zentrum seiner Zeit, nach Paris, auf, um dort eine Instrumentenmanufaktur zu gründen und sein Instrument verschiedenen Komponisten vorzustellen.

Zunächst sprach er bei Hector Berlioz vor, dem ehemaligen Medizinstudenten und Schöpfer der weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannten Symphonie Fantastique. Berlioz war berühmt für die unerhörte Ausnutzung orchestraler Klangfarben und somit natürlich an neuen Klangkörpern höchst interessiert. Zunächst zeigte er sich zwar nicht besonders überschwänglich angesichts der Sax’schen Vorführung, als der junge Instrumentenbauer jedoch am nächsten Morgen die Zeitung aufschlug, konnte er sogleich einen seine Erfindung in den Himmel lobenden Artikel lesen. Berlioz pries die „Schönheit der verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten des Saxophons“, welches einen so besonderen Klang besäße, der an der Grenze des Hörbaren läge. Seine Klangfarbe sei „zart wie der Hauch eines Echos, wie das unbestimmte, klagende Heulen des Windes in den Zweigen...“

Solch unglaubliches Lob von einem anerkannten Komponisten blieb nicht ohne Widerhall – Sax wurde nahezu übernacht berühmt. Jedoch erzeugte der kometenartige Aufstieg des jungen Belgiers auch sogleich Neid in der gesamten französischen Instrumentenbaubranche. Für die Gründung einer eigenen Manufaktur benötigte Adolph Sax Geld in Form von Krediten. Als seine „Kollegen“ von diesem Vorhaben erfuhren, intrigierte sofort die komplette französische Instrumentenbauergilde gegen ihn. Das hatte neben der natürlichen Angst vor der belgischen Konkurrenz auch noch folgenden Grund: Sax wollte die traditionelle Art des damaligen Instrumentenbaus reformieren. Das Problem bestand darin, dass jeder einzelne Bestandteil eines Instruments von unterschiedlichen Zulieferfirmen gefertigt wurde und die Hauptmanufaktur übernahm letztendlich nur die Endmontage. Die Sax’schen Instrumente waren jedoch von solch eigener technischer Natur, dass er auf keine bekannten vorgefertigten Teile zurückgreifen konnte – die komplette Fertigung sollte unter einem Dach stattfinden.

So gehörten fortan sämtliche musikalischen Zulieferbetriebe zu Sax’ erklärten Feinden. Artikel von bestochenen Journalisten wurden veröffentlicht, die vom „hohlen, ja falschen Klang“ der Saxophone berichteten, Arbeiter wurden in die neu gegründete Manufaktur eingeschleust, um firmeneigenes Geld für unnütze Anschaffungen auszugeben und viele hässliche Aktionen mehr. All diese fast mafiösen Anfeindungen und Boykotte führten immer wieder zum Bankrott des jungen Unternehmers. Nur vor diesem Hintergrund ist folgender, in der Musikgeschichte wohl einmaliger Umstand zu erklären: Adolph Sax rief zu einem Wettstreit aller Pariser Instrumentenbauer gegen ihn und seine Instrumente auf. Die „Instrumentenbattle“ zwischen einem großen Blasorchester ausgestattet mit „üblichem“ Instrumentarium und einer ausschließlich aus Saxinstrumenten zusammengestellten Band, fand vor zehntausenden Zuschauern 1845 auf dem Pariser Marsfeld, der heutigen Stätte des Eiffelturms, statt. Obwohl über die Hälfte der von Sax engagierten Musiker angeblich bestochen worden waren, absichtlich falsch und schlecht zu spielen, übertraf seine Kapelle sowohl in Lautstärke als auch in der Klangschönheit die Band seiner Kontrahenten. Dies hatte zur Folge, dass von oberster politischer Instanz ein Erlass erging, sämtliche Militärkapellen mit Sax’schen Instrumenten auszustatten.

Sax schien es geschafft zu haben. Zusätzlich zu seinem Erfolg als Instrumentenbauer und Erfinder bekam er seine künstlerisch-pädagogische Adelung, indem er für einige Jahre eine Professur für Saxophon am höchst anerkannten Pariser Conservatoire Superieur innehatte. Trotz all dieser Erfolge rissen die Anfeindungen jedoch nicht ab. Immer wieder trieb es den belgischen Unternehmer in den Bankrott und obwohl sich einige Komponisten über die Jahre dem Saxophon widmeten, konnte sich das Instrument, welches von Sax inzwischen zu einer siebenköpfigen Instrumentenfamilie (Sopranino, Sopran, Alt, Tenor, Bariton, Bass und Kontrabass) ausgebaut worden war, nicht fest im klassischen Orchester etablieren. Das meist solistische Auftreten des Saxophons in der Orchestermusik des späten 18. Jahrhunderts, wie etwa in Berlioz’ L’Arlésienne Suite, d’Indys Fervaal oder Thomas’ Oper Hamlet blieb nur eine exotische Ausnahme.

Fast wäre das Saxophon also als musikgeschichtliche Randnotiz in den Geschichtsbüchern versunken, wäre da nicht die Verwendung des Instruments in den Militärkapellen gewesen. Mit diesen gelangte es in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts in die Neue Welt. Die Nordamerikanischen Staaten führten einen erbitterten Bürgerkrieg, um die in den Südstaaten immer noch praktizierte Sklaverei zu beenden. Dort, im amerikanischen Süden, landeten abertausende französischer Söldner und mit ihnen natürlich die in den Militärkapellen befindlichen Saxophone. Nach Beendigung der kriegerischen Handlungen blieben viele Soldaten in dem neuen Land. Am Mississippi ließen sich besonders viele Franzosen nieder und als im alten Europa das Saxophon fast schon vergessen war und sein Erfinder Adolph Sax völlig verarmt das Zeitliche gesegnet hatte, begann im fernen New Orleans der eigentliche Siegeszug des Instruments. Um 1900 entwickelte sich dort aus dem Blues und dem Gospel der afroamerikanischen Bevölkerung und dem um 1880 entstandenen Ragtime eine einzigartige neue Musikrichtung, die etwa ab 1916 unter dem Namen JAZZ – was im Slang der kreolischen schwarzen Bevölkerung so etwas wie (sexuelle) Erregung bedeutet – die Welt eroberte.

Unter den Gründervätern dieses neuen Stils war neben Jelly Roll Morton (Piano) und dem unvergessenen „Satchmo“ Louis Armstrong an der Trompete auch ein Saxophonist, nämlich der am 14.5.1897 in New Orleans geborene Sopransaxophonist Sidney Bechet. Hier konnte das Saxophon mit all dem brillieren, für was es 60 Jahre zuvor erfunden worden war. In der oft im Freien ausgeübten New Orleans Jazzmusik konnte es sich gegen die anderen Instrumente (Trompeten, Posaunen, Tuben) hervorragend durchsetzen, wobei es dem überwiegend aus Blechblasinstrumenten bestehenden Marchingbands die warme, streichernahe Klangfarbe beifügte, ohne jedoch an dynamischem Durchsetzungsvermögen einbüßen zu müssen.

Der Weg zurück ins Blickfeld der europäischen Kulturszene vollzog sich auf umgekehrte Art und Weise wie das Verschwinden. Nach dem Eingreifen Amerikas in den ersten Weltkrieg kam das weit gereiste Instrument mit den Militärkapellen amerikanischer GIs und natürlich als Sinnbild für die neue Zeit und die vom Jazz erstmals ausgehende Verkörperung einer erstmals ausgelebten Jugendkultur zurück in sein Herkunftsland. Die „Roaring Twenties“ waren vielleicht das wildeste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, bevor sich die Jugend des Westens drogenvernebelt bunte Blumen ins Haar steckte. Bis zum Schwarzen Freitag am 24.10.1929 befand sich die Welt nach dem lähmenden Schrecken des ersten Massenvernichtungskrieges der Menschheitsgeschichte in einem unbändigen Aufbruch. Josephine Baker bezirzte nur mit einem Baströckchen bekleidet die Nachtschwärmer in Paris, der aufkommende Modetanz Charleston war der erste weltweite Jugendkult, Freizeit kam in Mode und die Tanzlokale sprossen wie Pilze aus dem Boden. In Ermangelung noch nicht erfundener Verstärkeranlagen mussten die zum Tanz aufspielenden Kapellen vor allem Lautstärke erzielen. Nichts eignete sich hierfür besser als Blechblasinstrumente wie Trompete, Posaune und natürlich Saxophon.

Komplette Saxophonorchester wie die Six Brown Brothers oder das des Berliner Saxophonpioniers Gustav Bumcke, einem Schüler der renommierten Komponisten Bruch und Humperdinck, eroberten mit neuen Klängen aus Übersee die Tanzsäle Mitteleuropas. Viele Spieler des hierzulande neuartigen Instruments waren farbige Afroamerikaner. Der Hauch des Exotischen, der Andersartigkeit übertrug sich schnell von den Spielern auf ihre Instrumente. Sehr bald wurde das Saxophon zum Sinnbild der neu erfundenen Avantgarde und ihrer Hauptvertreter.

Wenn ich doch Banjo könnte spielen und Saxophon in einer Jazzband blasen,
Vortänzer sein in einem Nachtlokal, mit meiner Kunst in alle Herzen zielen,
Froh mich ergehen in Späßen und Ekstasen, der Ladenmädchen Held und Ideal!
Vergnügt in mein geschweiftes Blasrohr blies ich und sänge zwischenein in hellem Jubel
Grell und begeistert in den hellen Saal [...]

Das Traktat schrieb Hermann Hesse zeitgleich zu seinem Roman Der Steppenwolf, in dem der dunkelhäutige Saxophonist Pablo exzentrisch lasziv Teile der Handlung dominiert. In Otto Dix’ Gemälde Triptychon „Groß-Stadt“ von 1928 erscheint das Saxophon gleich zwei Mal im Bildgeschehen und in Ernst Kreneks zweiaktiger Oper Jonny spielt auf von 1926 ziert die gleichnamige Hauptfigur – die natürlich farbig ist - Saxophon spielend das Werbeplakat. Dies sind nur drei von unzähligen Beispielen aus dieser Zeit, in der unser Instrument in Verbindung mit seinen oftmals schwarzen Spielern zum schillernden Symbol eines neuen, nie da gewesenen Zeitgeistes avancierte.

Dies blieb auch unter den Komponisten der klassischen Avantgarde nicht unbemerkt. Verstärkt hielt das bisher in der Klassik bis auf wenige Ausnahmen nahezu sträflich vernachlässigte Instrument Einzug in die „hohe Kunst“. Kein Geringerer als der Violin- und Bratschenvirtuose sowie Komponist Paul Hindemith baute den „ausdrucksvollen Gesang“ des Tenorsaxophons in seine Oper Cardillac ein und komponierte noch drei kammermusikalische Werke für das in der Klassik bisher selten eingesetzte Instrument. Es spielt eine tragende Rolle in Bert Brechts und Kurt Weils Drei Groschen Oper und erscheint in großen Orchesterwerken von Alban Berg, Bela Bartok und Darius Milhaud sowie in Kammermusik von Anton Webern oder Erwin Schulhoff. Die wohl berühmteste, wenn auch von den meisten nicht sofort erkannte Orchesterstelle, schenkte Maurice Ravel dem Saxophon in seinem Boléro.

Dies war sicherlich auch ein Verdienst des französischen Pioniers in Sachen klassischem Saxophon: Marcel Mule (1901-2001), der durch seinen unermüdlichen Einsatz dutzende Kompositionen bei den Komponisten seiner Zeit anregte. Er war zudem einer der ersten, der vier verschiedene Saxophone (Sopran, Alt, Tenor, Bariton) zu einem Quartett zusammenfügte, welches der Königsbesetzung klassischer Kammermusik, dem Streichquartett sowohl klanglich als auch in seinen Ausdrucksmöglichkeiten in nichts nachstand. Bis heute werden für diese Besetzung die meisten Werke für klassisches Saxophon geschrieben. Im Jazz hat sich die Zusammenstellung der vier unterschiedlichen Saxophone ohne Rhythmusgruppe übrigens, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, wie etwa der Kölner Saxophonmafia oder dem World Saxophone Quartett, nie wirklich etablieren können.

Der unglaubliche Aufschwung des Saxophons (allein 1930 wurden aufgrund der stetig steigenden Nachfrage weltweit über eine Million [!] Saxophone hergestellt) schien hierzulande mit der Machtergreifung der Nazis ein jähes Ende zu erfahren. Die weltoffenen Zeiten der 20er Jahre waren zumindest auf deutschem Boden vorbei. Die „Niggertröte“, wie sie damals zuweilen genannt wurde, galt zusammen mit ihren Spielern und der darauf gespielten Musik als entartet. Nahezu die gesamte deutsche kulturelle Elite, die sich noch wenige Jahre zuvor in Literatur, bildender Kunst und Musik mit der Exotik des Saxophons identifiziert hatte, musste nun das Land verlassen. Der Klang des noch kurz zuvor so gepriesenen Instruments wurde als pervers, undeutsch, vulgär, das Instrument selbst als „bizarre Maschine“ oder als „modulationsarmes, näselndes, nörgelndes, der Erzeugung eines falschen Sentiments in der Musik dienendes Tonwerkzeug“ bezeichnet. Solch eine verbale Schändung musste in der gesamten Musikgeschichte kein anderes Instrument über sich ergehen lassen. Das Überleben des so gescholtenen Instruments auf deutschem Boden sicherte ironischerweise letztendlich das Reichswirtschaftsministerium, das aufgrund der ernsthaften Krise in der Saxophon bauenden deutschen Instrumentenbauindustrie dem Saxophon doch noch eine Daseinsberechtigung einräumte – allerdings nur zur Ausübung „deutscher“ Unterhaltungs- und Tanzmusik. 1940 führte man gar einen kompletten Saxophonsatz in der Kapelle der Deutschen Luftwaffe ein.

Das Saxophon war also wie sein Erfinder Adolph Sax ein echtes Stehaufmännchen, doch sein wahrer Triumphzug sollte erst nach dem 2. Weltkrieg folgen. Der Jazz eroberte nun die ganze Welt. In dieser Stilistik hatte das Saxophon von Beginn an seinen festen Platz. Ob als Melodie tragender Satz in der Bigband oder solistisch in der Jazzcombo: Wo Bläser waren, war auch das Saxophon. Alle herausragenden Saxophonisten von damals bis heute aufzuzählen würde ganze Bücher füllen. Charlie Parker, Groover Washington, Lester Young, Coleman Hawkins, Ben Webster, Stan Getz, John Coltrane, Cannonball Adderley, Gary Mulligan, Sonny Rollins seien hier nur stellvertretend für hunderte erstklassiger Instrumentalisten aus aller Welt genannt.

Auch in dem seit den 50er Jahren den Jazz nahezu überrollenden Rock’n Roll spielte das Saxophon eine tragende Rolle. Zwar musste es sich im Gegensatz zu den im Jazz oft Minuten langen Improvisationen mit kurzen Fills begnügen, doch das murrende Aufheulen des Tenorsaxophons bei Bill Haleys See you later Alligator gehörte genauso ins Zeitalter von Elvis und James Dean wie Pomade oder Petticoats. In den 60ern wurde es kurzzeitig wieder etwas ruhiger um das Instrument. Der Jazz konnte zunächst der Massenhysterie der von den Beatles und den Stones praktizierten Beatmusik nichts entgegensetzen. Die Jazzclubs starben wie die Fliegen und im Beat war ein Saxophon außer beispielsweise einem kurzen Solo in Obladie, Oblada oder Hang on Sloopy eher die Ausnahme in einer von E-Gitarren dominierten Musik.

Erst Ende der 60er, nachdem kein geringerer als Miles Davis den Jazz durch die Vermischung mit Rockanklängen sowie einer Fusionierung des Instrumentariums beider Stile wieder aus der Versenkung holte, übernahm das Saxophon wieder eine ernstzunehmende Rolle. Ob im Jazzrock bzw. Fusion in Gruppen wie Weather Report oder den Brecker Brothers, ob im Bläsersatz im Funk eines James Brown und der Gruppe Tower of Power oder den großen von Bläsern dominierten Gruppen Blood, Sweat and Tears oder Chicago: dem Saxophon kam wieder eine tragende Rolle zu. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Popmusik: Immer wieder verstanden es herausragende Jazzmusiker, durch ihre solistischen Einlagen auch Rock- beziehungsweise Poptitel zu veredeln. Ob Michael Brecker, sicherlich der Tenorsaxophonist der letzten 25 Jahre, in seinen unzähligen Soli bei den Dire Straits, Paul Simon und hunderter anderer Aufnahmen, ob Phil Woods in seinem unnachahmlichen Solo in Billy Joels Just the way you are oder Branford Marsalis bei seinem mehrjährigen Ausflug zu Sting (u.a. Englishman in New York): Saxophone gehörten und gehören neben dem in Rock und Pop traditionellen Gitarrensolo zu den am meisten verwendeten Soloinstrumenten. Popbands in den 80ern leisteten sich nicht nur im Studio sondern auch live immer öfter einen festen Saxophonisten (Tina Turner, Joe Cocker, Bruce Springsteen, Billy Joel, Supertramp, Spandau Ballet, Foreigner, Westernhagen, Grönemeyer uva.).

Erstaunlich ist, dass das Saxophon in seiner erst knapp 170-jährigen Geschichte in Form, Gestalt und Klang nahezu unverändert geblieben ist. Ein modernes Saxophon ist heute, abgesehen von kleinen ergonomischen Modifikationen und einem gering erweiterten Tonumfang, noch exakt das gleiche Instrument, welches Adolph Sax in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts in seiner Werkstatt zusammengebaut hatte. Auf und Abs in seinem Ansehen hat es in seiner Geschichte aufgrund des außergewöhnlichen Klangs und der dynamischen Bandbreite bisher allesamt überlebt. Wie kein anderes Instrument musste es sich Anfeindungen gefallen lassen, die alle außerhalb des ästhetisch musikalischen Rahmens standen. Wie kein anderes Instrument war und ist es Sinnbild und Symbol für Andersartigkeit, Exotik, Erotik, Coolness, ja sogar für einen ganzen Musikstil.

Mag es an seiner späten Geburt, an seinem Erfinder oder dem von Beginn an holprigen Weg ins Leben liegen: seiner ihm von Sax geschenkten besonderen Stimme konnte sich letztendlich kaum ein Kritiker nachhaltig entziehen. In der Klassik sind bis zum heutigen Tag zehntausende Werke für Saxophon in allen erdenklichen Besetzungen entstanden. Von klassischen Komponisten wurden überdies in den vergangenen zehn Jahren interessanterweise mehr Werke für Saxophon als für Cello geschrieben. Der Jazz wäre ohne das Aufheulen eines Saxophons kaum vorstellbar und in Rock und Pop kommt es von allen übrigen Blasinstrumenten am häufigsten zu solistischem Einsatz. Die Vision seines Erfinders, der Musikwelt eine völlig neue unnachahmliche Stimme zu schenken, die wandelbar wie nur wenige andere in den verschiedensten Stilistiken einsetzbar ist, erscheint angesichts all dieser Tatsachen heute mehr als verwirklicht.

1850 schrieb Hector Berlioz:

„...beweglich und für rasche Passagen ebenso verwendbar wie für anmutige Gesangsstellen, für religiöse und für träumerische Harmonieeffekte, sind die Saxophone mit großem Vorteil in jeder Art von Musik verwendbar...“

Zitate aus: Ventzke, Raumberger, Hilchenbach: Die Saxophone, 3. Erw. und überarbeitete Auflage, Frankfurt/M. 1994
Jaap Kohl: Das Saxophon, 1931, 2. Aufl. 1989 Frankfurt/M.
Weiterhin hat mir der Aufsatz von Hans Jürgen Schaal: Wie das klagende Heulen des Windes-über das Saxophon in der klassischen Musik aus dem Jahr 1997 sehr bei den Recherchen geholfen